Geschlechtsrolle

Aus Asex-Wiki
Wechseln zu: Navigation, Suche

Unter Geschlechtsrollen versteht man gesellschaftlich relevante Verhaltensweisen von Menschen, die typischer Weise mit einem Geschlecht assoziiert sind. So werden z.B. Männer traditionell oft als Ernährer der Familie angesehen und sind auf Beruf und Karriere hin orientiert und Frauen kümmern sich um den Haushalt und die Kinder. Der Entwicklung von Geschlechtsrollen können sowohl angeborene bzw. biologisch disponierte und motivierte Komponenten als auch sekundäre gesellschaftliche Strukturen und Prägungen sowie viele verschiedene Umweltfaktoren zu Grunde liegen, wobei diese nicht unabhängig von den biologischen Faktoren betrachtet werden können, mit denen sie wechselwirken (vergl. Gen-Umwelt-Korrelation[1]). Starre Geschlechtsrollen können zwar die Entwicklung einseitiger Geschlechtsstereotype bzw. von darauf basierenden Vorurteilen begünstigen, die Annahme einer primär oder sogar ausschließlich soziokulturellen Bedingtheit von Geschlechtsrollen hält hingegen der Empirie nicht stand.


Kulturübergreifende Zuordnung von Tätigkeiten zu einem Geschlecht

Zuordnungen über 80%[2]
Männlich Weiblich
Jagd auf große Tiere: 100%

Kriegsführung: 100%
Metallbearbeitung: 100%
Herstellung von Waffen: 100%
Fertigung von Musikinstrumenten: 98%
Fischerei: 90%
Umgang mit Viehherden: 82%

Kinderbetreuung: 100%

Kochen: 95%
Getreidemahlen (von Hand): 94%
Wasserholen: 93%
Herstellung und Reparatur von Kleidern: 84%
Töpferei: 83%

Soziokulturelle Modelle

Soziokulturelle Erklärungsmodelle für Geschlechtsrollen vs. Empirie[3]
Modell Behauptung Empirie
Psychoanalytische Theorie Die Übernahme der Geschlechterrollen basiert wesentlich auf der Identifikation mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil. Die theoretische Herleitung der Identifikation (Ödipuskomplex) ist fragwürdig. Kinder zeigen in einem Alter, in dem sie sich gemäß der Theorie erst identifizieren können, längst geschlechtstypisches Verhalten.
Konditionierungstheorien (Behaviorismus) Geschlechtsrollen werden durch Belohnung und Strafe anerzogen. Die Geschlechtsrollensozialisation erfolgt nicht so konsistent, wie man fordern müsste, wollte man die Differenzierung auf sie zurückführen (Beispiel: es besteht allgemein aggressiveres Verhalten bei Jungen auch ohne dass in diese Richtung verstärkt wurde).
Die Sozialisationsagenten wirken zeitweise sogar direkt gegeneinander (Beispiel: Mütter fördern bei Söhnen häufiger Spiel mit neutralen und Mädchen-Spielsachen, Väter eher geschlechtstypisches Spiel).
Soziale Lerntheorie Geschlechtsrollen werden durch Nachahmung erworben. Die Theorie erklärt nicht, wie Kinder dazu kommen, gerade jene Vorbilder auszuwählen, die ihrem eigenen Geschlecht entsprechen.
Kohlbergs Theorie Kinder müssen erst Wissen über Geschlechtszugehörigkeit und geschlechtsadäquate Tätigkeiten erwerben, bevor sie sich in ihrem Verhalten danach richten. Dieses Wissen entsteht in invarianter Abfolge: Zunächst erfolgt die Bestimmung des Geschlechts bei sich selbst und anderen. Anschließend entwickelt sich Stereotypenwissen und eine Bevorzugung gleichgeschlechtliche Partner und Spielaktivitäten. Zuletzt entsteht eine normative Verbindlichkeit geschlechtsrollenkonformen Verhaltens. Diese Entwicklungsfolge lässt sich empirisch nicht bestätigen: Kognition des eigenen und fremden Geschlechts sowie Stereotypenwissen sind erst im dritten Lebensjahr vorhanden. Eine stabile Geschlechtsidentität (bewusste Geschlechtskonstanz) existiert erst ab ca. dem fünften Lebensjahr, jedoch bestehen geschlechtstypische Verhaltensweisen und Präferenzen bereits im ersten Lebensjahr und sind teilweise schon bei oder sogar vor der Geburt vorhanden. Offensichtlich sind also Komponenten des Rollenverhaltens von sozialen Lernprozessen unabhängig.


FAQ

Wie würde sich auf Basis der bisherigen Erkenntnisse ein „typischer Junge“ bzw. ein „typisches Mädchen“ entwickeln?

Der typische Junge/Mädchen fühlt sich schon sehr früh von Kindern des gleichen Geschlechts angezogen weil:

  • Sie die Bewegungen selbiger besser nachvollziehen können.
  • Sie so mit ihnen spielen können wie es ihren eigenen Neigungen entspricht

Daher sind auch gleichgeschlechtliche Erwachsene attraktiver, da sie ebenfalls geschlechtsspezifische Umgangsstile erkennen lassen (Männer: Erkundung von Neuem, körperliche Aktivitäten; Frauen: vertrautes Spielen, pflegerische Aktivitäten) => sie werden zum bevorzugten Modell => gleichgeschlechtliche Sozialisationsagenten werden ernster genommen.


Welche Probleme der sozialen Lerntheorie lassen sich durch eine biologisch begründete Geschlechtsidentifikation lösen?

Die Neigung zum gleichen Geschlecht hängt nicht vom Stereotypenwissen ab und besteht schon lange vor der Geschlechtsidentität bzw. Geschlechtskonstanz. Daher macht es auch nichts aus wenn die Eltern atypisch verstärken. Im Umkehrschluss könnte eine besonders starke Stereotypisierung auf eine besonders starke biologische Identifikation zurückzuführen sein, die das Interesse an der Identifikation mit Stereotypen fördert (umgekehrt wie bei Kohlberg). Auch weniger stark identifizierte Kinder können durch den Konformitätsdruck innerhalb einer Gruppe in ihre Rolle gezwungen werden. Der Einfluss der Gleichaltrigen ist also sehr wichtig.


Wie könnte auf Basis der obigen Erkenntnisse die typische Entwicklung der Geschlechtsidentität sowie die Identifikation mit Geschlechtsrollen verlaufen (im Gegensatz zu lerntheoretischen Ansätzen / Kohlberg)?

  • Kind findet in einer Gruppe Aktivität x spannend und y langweilig und schließt sich den Kindern mit den gleichen Interessen an
  • Dadurch entstehen getrenntgeschlechtliche Gruppen
  • Durch deren Anschauungsfunktion lernen Kinder schnell was „Jungs“ und was „Mädchen“ sind und das Kind lernt auch sich selbst zuzuordnen und damit sein eigenes Geschlecht zu bestimmen.
  • Die Inhalte der Geschlechtsrollen werden verinnerlicht und es entstehen Eigen- und Fremdstereotype

Siehe auch

Weblinks und Einzelnachweise

  1. https://www.spektrum.de/lexikon/biologie/genotyp-umwelt-korrelation/27390
  2. Von Natur aus anders. Die Psychologie der Geschlechtsunterschiede, Doris Bischof-Köhler, Kohlhammer, 3. Auflage, 2006 S. 154
  3. Von Natur aus anders. Die Psychologie der Geschlechtsunterschiede, Doris Bischof-Köhler, Kohlhammer, 3. Auflage, 2006.