Geschlechtsidentität
Unter der Geschlechtsidentität versteht man im engeren Sinne das individuelle Empfinden ein männlicher oder weiblicher Mensch (oder etwas anderes) zu sein wobei diese Empfindung als angeboren (bzw. biologisch disponiert) und nicht oder kaum veränderlich angesehen wird. In seltenen Fällen stimmt die Geschlechtsidentität nicht mit dem Geschlecht überein (siehe Transsexualität). Ähnlich wie bei der Entwicklung der sexuellen Orientierung spielen abgesehen von genetischen Faktoren hierfür u.a. auch hormonelle Faktoren im Mutterleib eine Rolle, wobei die Geschlechtsidentität (im Sinne eines unterschwelligen Wissens einem bestimmten Geschlecht anzugehören) wahrscheinlich noch früher in der Entwicklung (insbesondere des Gehirns im Embryonalstadium) festgelegt ist als die sexuelle Orientierung. Hierfür scheinen in beiden Fällen entwicklungsgeschichtlich alte hypothalamische Kernregionen im Gehirn eine wichtige Rolle zu spielen, die elementare Mechanismen der wahrnehmungsbzogenen Informationsverarbeitung steuern bzw. regulieren.[1][2]
Es ist aufgrund des evolutionären Alters des Hypothalamus davon auszugehen, dass die Geschlechtsidentität bereits im Tierreich ihre Grundlage hat. Ohne ein elementares Empfinden der eigenen Geschlechtszugehörigkeit und sexuellen Ausrichtung wären selbst niedere Tiere kaum in der Lage z.B. ein komplexes Partnersuchverhalten oder Brutpflegeverhalten zu initiieren oder sich sogar in an ihrem Geschlecht ausgerichteten sozialen Gruppen zu organisieren. Beim Menschen kann die Geschlechtsidentität allerdings erst ab einem Alter von ca. fünf Jahren als vollständig ausgereift betrachtet werden, da zuvor noch keine Geschlechtskonstanz in der Eigenwahrnehmung besteht und das Kind sein eigenes Geschlecht daher nicht (bewusst) als eine dauerhafte und stabile Personeneigenschaft begreifen kann.[3]
Im weiteren Sinne kann unter dem Begriff der Geschlechtsidentität beim Menschen auch das Ausmaß der individuellen und gesellschaftsbezogenen Identifikation mit dem eigenen Geschlecht verstanden werden. Die Geschlechtsidentität kann in diesem Sinne erheblich von Erfahrungen sowie der persönlichen Einstellung zu Geschlechtssterotypen bzw. Geschlechtsrollen geprägt sein, was bis hin zu einer Identifikation mit einem anderen (oder keinem, mehreren, oder sogar frei erfundenen "Geschlechtern") als dem eigenen Geschlecht führen kann. Allerdings tritt dieses Phänomen meist nur während kritischer Entwicklungsphasen (oftmals während der Pubertät) auf. In einigen Fällen kann auch eine teilweise durch traumatische Erfahrungen (z.B. sexuellen Missbrauch) ausgelöste oder zumindest verstärkte Geschlechtsidentitätsstörung oder auch Intersexualität im Hintergrund stehen. Auch Menschen, die von Autismus oder anderen Entwicklungsstörungen betroffen sind, haben gelegentlich Probleme im Bezug auf ihre geschlechtliche (Selbst)wahrnehmung.
Aufgrund der psychosozialen Komponente ist die Geschlechtsidentität oftmals eng mit der sexuellen Identität verbunden. Es ist wichtig zu beachten, dass die persönliche Identifikation nicht notwendiger Weise Tatsachen widerspiegelt. Die individuelle und sozial geprägte (oder sogar als politisches Statement formulierte) Geschlechtsidentität im weiteren Sinne kann also von der angeborenen faktischen Geschlechtsidentität im engeren Sinne abweichen (oder diese z.B. aufgrund von Konditionierungsprozessen überlagern), ebenso wie die sexuelle Identität im engeren Sinne nicht immer mit der sexuellen Orientierung und/oder den geschlechtsbezogenen sexuellen Präferenzen übereinstimmt. Die Übergänge zum Transvestitismus können hierbei fließend sein.
Beispiel: Ein Mann welcher sich nicht mit stereotypen Vorstellungen von Männlichkeit identifiziert und diese ablehnt (und/oder negative Erfahrungen mit dem aggressiven Verhalten anderer Männer gemacht hat) könnte als asexuell und geschlechtslos oder sogar als asexuelle Frau wahrgenommen werden wollen obwohl sein Geschlecht eindeutig ist, er sich psychisch durchaus als heterosexuelles männliches Individuum erlebt und/oder er einer nicht zur Selbsteinordnung passenden Wahrnehmung unterliegt bzw. keine zur Selbsteinordnung passende Verhaltensmuster zeigt (z.B. eine intrinsische sexuelle Handlungsmotivation mit Bezug zu Frauen erlebt und eine Familie mit einer Frau gründet).
Siehe auch
Weblinks und Einzelnachweise
- ↑ Garcia-Falgueras A, Swaab DF. A sex difference in the hypothalamic uncinate nucleus: relationship to gender identity. Brain. 2008 Dec;131(Pt 12):3132-46. doi: 10.1093/brain/awn276. Epub 2008 Nov 2. PMID: 18980961.
- ↑ Swaab DF, Garcia-Falgueras A. Sexual differentiation of the human brain in relation to gender identity and sexual orientation. Funct Neurol. 2009 Jan-Mar;24(1):17-28. PMID: 19403051.
- ↑ http://entwicklung-psychologie.de/geschlecht_entwicklung.html